Weisheiten aus dem Prüfungsamt

An den Herrn heute im Prüfungsamt:

Ich hatte einige Formalitäten zu erledigen.
Wenn ich mich richtig erinnere ist genau das ihr Job: Einem bei den Formalitäten, die so ein Studium mit sich bringt zu unterstützen, Dinge nachzusehen, Fragen zu beantworten.

Ich bin nicht zu ihnen gekommen um mir ungefragt ihre Meinung abholen zu müssen.

Weder bezüglich dem Stand meines Studiums – schon gar nicht ihre persönlichen Wertung dessen.

Ja, ich bin einer der letzten Diplomstudenten. Nein, ich habe mir deshalb absolut nichts vorzuwerfen. Nein, geplant war das nie so (wer würde so etwas freiwillig wollen?, vermutlich niemand.) Genauso wie niemand ernsthaft plant an die asozialste Uni in ganz Baden-Württemberg zu gehen. Diese Uni hat es tatsächlich nötig Diplomstudis raus zu werfen – unbegründet wohl gemerkt.

Es plant und beabsichtigt auch keiner, seiner Uni mit dem Grundgesetz in der Hand auf die Sprünge helfen zu müssen, was denn Artikel eins bedeutet, der da lautet: Gleichbehandlung. Dennoch war und ist das alles der Fall gewesen.

Sie bilden sich eine Meinung weil sie die Anzahl der erbrachten Prüfungsleistungen und deren Noten sehen können?

Weil sie sehen können, wie lange der Mensch der da vor ihnen steht “schon” eingeschrieben ist?

Wie alt er ist?

Weil sich darüber den Menschen vor sich definieren können und offenbar sofort sehen, dass derjenige ihrer Meinung nach ja lang genug studiert hat?

Können sie mit ihrem Blick auch erkennen, für was sich der Mensch vor ihnen für die Gesellschaft engagiert?
Welcher Angehörige gerade schwer erkrankt ist oder gar im sterben liegt?
Ob derjenige gerade in einer persönlichen Krise steckt?
Ob derjenige gerade Mutter oder Vater geworden ist?
Ob derjenige gerade heftig in einer finanziellen Krise steckt?
Ob seine chronische Erkrankung gerade wieder dabei ist auszubrechen oder schlicht immer da ist?
Ob er sich gerade noch von den Folgen eines unverschuldeten Unfalls erholt?
Ob er sich gerade von den Folgen eines selbst verschuldeten Unfalls erholt?
Ob derjenige eine (unsichtbare) Behinderung hat?

Wenn ihnen also nur ein winziger Bruchteil von den Puzzleteilchen bekannt ist, die den Menschen vor ihnen ausmachen.. warum behalten sie dann nicht einfach die daraus “gebildete Meinung” für sich?

Wenn ich fertig werde, werde ich ein Semester mehr als die durchschnittliche Studiendauer haben.

Eines.

Ihnen geht es also nicht schnell genug die Diplomstudenten los zu werden, das ist interessant, wenn man bedenkt, dass ironischerweise gerade sie mir in der Zeit des mich wehrens sogar geholfen haben Informationen zu beschaffen. Zum Beispiel wie so eine Verlängerung in einem anderen Studiengang vonstatten ging. Aber daran erinnern sie sich wohl nicht mehr, vielleicht aber auch bereuen sie es sogar.

Jetzt aber, in ihrer großen Weisheit als erfahrener Sachbearbeiter sind sie also in der Lage sich ein Urteil über all die verbliebenen Diplomstudenten bilden zu können?

 

Abschließend gestatten sie mir noch einige wenige Fragen an sie:
Haben sie selbst studiert?
Wenn nein, worauf basiert denn dann ihre Insider-Einsicht in die Problematik?
(Wenn ja: hier darf sich jeder seinen Teil denken…)

Zu guter Letzt: Hätten sie sich auch so abfällig geäußert, wäre ihnen mein Kommilitone mit Muskelschwäche im E-Rolli gegenüber gestanden?

Ihre Äußerungen hatten eindeutig etwas vergleichbar einer Aussagekraft, allerdings höchstwahrscheinlich nicht in der Richtung, welche sie sich vermutlich erhofft haben.

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Filed under Ableism, Allgemein, Nachdenkliches, Studium

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