Nachtrag zur Sonde (1)

Fortsetzung von hier.

Heute morgen war ich erstaunt. Meinem Opa ging es essenstechnisch recht gut. Er hatte heftige Rückenschmerzen aber war immerhin schon mit Salbe eingecremt worden und das schien ihm gut zu tun. Er hatte auch entgegen meiner Erwartung keinen Schlauch in der Nase.

Ich war erfreut und sehr positiv überrascht über ihn.

Beim Frühstück lief es aussergewöhnlich gut. Zumindest was das Trinken anging, aber auch das Essen lief nicht schlecht, nur eben noch ausbaufähig.

Trotz der Rückenschmerzen ging das den Rest des Tages ähnlich weiter. Das Essen lief okay und das Trinken wirklich gut. Am Ende des Tages hatte er genug getrunken. Ich habe ihm immer zwischendrinn auch gesagt wie viel er schon hat und wie gut das ist.

Über ein Detail habe ich mich dennoch gewundert: Auf dem Tisch im Raum lag eine geöffnete Packung mit einer neuen Sonde. Daneben stand das Xylocain-Spray und es lag eine Packung hochkalorische Sondennahrung daneben.

Später am Abend lief ich der Schwester über den Weg, die ihm am Abend zuvor das Essen gegeben hatte und zu mir meinte, er hätte alles hochgewürgt. Damals hatte sie mir aber nur die halbe Geschichte erzählt, einen wichtigen Teil hatte sie mir verschwiegen.
Zufällig erfuhr ich noch, dass sie sehr wohl nochmal versucht hatte ihm die Sonde zu schieben. Mindestens drei Mal. Ich hatte ihr Abends gesagt, er möchte das nicht. Sie behauptete er hätte zugestimmt. Ich vermute etwas anderes.

Sie gab ihm wohl Essen und das klappte nicht wie sie sich das vorstellte. Vermutlich war er irgendwann einfach voll und konnte nicht mehr, aber das war ihr wohl nicht genug. Jemand der sich aktuell manchmal etwas schwer damit tut selbst die passenden Wörter zu finden, antwortet eher passend und schneller, wenn man ihm mögliche Antworten zu einer Frage vorgibt. Wer also mit unfairen Karten spielt kommt dann z.B. so an: “Herr XY, Sonde oder Essen?” Wenn also Essen irgendwann nicht mehr geht, weil ihm übel ist, dann wird er ja zur Sonde sagen, obwohl das nicht zwingend bedeutet, das er genau das möchte, es kann auch einfach heißen, er möchte das andere nicht.

Angeblich hatte er also zugestimmt. Ich habe arge Zweifel, dass ihm auch einmal klipp und klar gesagt wurde, dass er sich auch dagegen entscheiden kann, auch gegen Beides. Zur Erinnerung: Er ist nicht entmündigt oder dergleichen, wenn er morgen beschließt er möchte nicht mehr Essen, dann ist das seine Entscheidung. So lange er die Folgen und Möglichkeiten kennt, ist dagegen absolut nichts einzuwenden.

Stellt sich für mich die Frage warum er heute so gut gegessen und getrunken hat. Ob er das war, oder ob er schlicht rießen Angst hatte.

Angst davor, nochmal so ein Ding in die Nase zu bekommen und Angst davor diesem Prozedere allein ausgeliefert zu sein.

Wenn man sowas am Ende einen Tages mitbekommt, der eigentlich gut lief, dann hinterlässt das einen sehr sehr bitteren Nachgeschmack.

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