Die Sonde

Seit Mitte letzter Woche hat mein Opa eine Magensonde. Also ein Schlauch durch die Nase bis in den Magen, meist eher Dünndarmbeginn.

Bei ihm nicht wegen zu wenig Essen – zumindest damals noch nicht – sondern weil er nicht genug trank. Egal wie oft man es angeboten hat, es hat einfach nicht ausgereicht.

Gelegt hat ihm die erste Sonde die tolle Schwester die hier in diesem Blogeintrag im zweiten Akt die Hauptrolle spielt. Nicht etwa indem sie mit Opa und mir darüber geredet hat oder dergleichen, sondern mit einem schlichten: “Ich lege die Sonde heute Abend/Nacht wenn Sie nicht da sind. Ich möchte nicht, dass sie dann da sind.” Ich habe arge Zweifel, dass sich jemand die Mühe gemacht hat wirklich mit Opa darüber zu reden und es ihm zu erklären. Wo sie sich das Einverständnis hergeholt hat, ist mir ein wenig ein Rätsel.

Das ist ein tolles Gefühl. Wenn man abends ins Bett geht und weiß, dass irgendwann in der Nacht jemandem, dem man nahe steht so ein Ding durch die Nase gezwängt wird, ohne, das man ihm wenigstens die Hand halten kann oder ihn danach trösten kann. Ich schlief beschissen und hatte Angst was mich am nächste Tag zwei Etagen weiter unten erwartet.

Am nächsten Morgen hatte Opa – genau wie ich befürchtet hatte – den Schlauch in der Nase. Er schien ihn gut zu tolerieren, hätte ich nicht gedacht.

Ab dann schrieb ich unter Tags mit wie viel er so etwa getrunken hatte und den Rest gab es über die Sonde abends und morgens dazu. Er bekam kein Essen über die Sonde, es ging nur um den Flüssigkeitsausgleich.

An einem Tag, dem Samstag war ich sogar erleichtert darüber. Er hatte miserabel geschlafen, weil wohl Rabatz im Zimmer Nachts war. Wenn er mir das morgen sagt, dann muss da eine Menge los gewesen sein. Er hat praktisch den ganzen Tag nur geschlafen und auch nichts gegessen. An diesem Tag bekam er auch einen kleinen Beutel mit Nahrung darüber angehängt, der ihm definitiv gut tat.


 

Gestern fand ich ihn morgens ohne die Sonde wieder. Man berichtete mir, er hätte sie sich selbst nachts gezogen. Meine Vermutung ist, dass er entweder hängen blieb oder sich eben mal wieder nicht bemerkbar machen konnte, als er etwas benötigte (siehe hier) und dann im Bett etwas “wild” wurde, weil eben niemand kam.

Unter Tags habe ich genauso wie die Tage zuvor Essen und Trinken angeboten und gereicht, aber es war leider wieder zu wenig.

Interessanterweise hatte er am Anfang hier noch brauchbar gegessen. Es wurde von Tag zu Tag weniger. Die Gründe dafür sind divers. Mal hatte er Schmerzen in den Beinen oder im Rücken, mal war ihm übel oder schwindelig. Mal war er einfach nur sehr sehr müde und KO. Zuletzt vor allem Übelkeit.

Es war also relativ klar, dass er nochmal eine Sonde bräuchte.

Als ich vom Abendessen kam war sie drinn. Wieder mal als ich nicht da war. Der Führungsdraht hing noch daneben an einem Ständer. Opa berichtete, es wäre sooo eklig und würde weh tun. Mein Opa sagt sowas selten bis gar nicht. Es hatte wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Zu mir hieß es, er wäre komplett bettfertig. Ich sagte ihm also Gute Nacht und ging raus.

Dann zögerte ich nochmal.

Mir kam etwas komisch vor.

Ich ging nochmal rein und schaute nach: Treffer versenkt! Zum wiederholten Male waren seine Zähne noch drinn und die echten Zähne natürlich auch nicht geputzt. Mundpflege ist in diesem Krankenhaus ein rießen Glückspiel. Meist verliert der Patient und die Pflege gewinnt.

Ich bin daraufhin nochmal zu der Schwester gegangen und habe gefragt ob er denn auch Zähne geputzt hat “Nein”, denn seine Zähne sind ja noch drinn. Ja das machen sie noch, hätten sie nicht gesehen & was auch immer. Ich weiß von meiner Tante – ehemalige Krankenschwester – dass es in der Theorie Einträge in der Kurve gibt, was ein Patient an “künstlichem Anbau” hat und was er so selbst kann. Mein Opa kann sich selber die Zähne putzen, aber dazu muss man ihm eben die elektrische Zahnbürste reichen, auch pflegt er dann die künstlichen Zähne, wenn man ihm assistiert. In 3 Wochen war das mindestens das 3. mal, das die Mundpflege nicht oder unvollständig durchgeführt wurde.


Am nächsten Tag fand ich meinen Opa ohne einen Schlauch in der Nase, dafür hing unten einer aus dem Bett heraus mit einem Urinbeutel drann. Ich wunderte mich natürlich.

Diesesmal hatte er sich wohl nicht selbst die Sonde gezogen, sondern noch in der Spätschicht gesagt, er möchte, dass wie weg kommt. Zu meiner Verwunderung entsprach man wohl seinem Wunsch und zog sie ihm. “Zu meiner Verwunderung” schreibe ich, weil ich sonst nicht den Eindruck hatte, dass es jemand interessiert, was er möchte und so ohne Zeugen kann man ja super den Wunsch eines Patienten ignorieren.

Für den anderen Schlauch ist der Grund hier nachzulesen.

In der Akte von ihm stehen meine Kontaktdaten drinn. Es ist bekannt, dass ich hier im selben Haus nur zwei Etagen darüber ein Zimmer habe. Ich habe meine Daten auch noch auf einem Notizblock auf dem Nachtkästchen hinterlassen. Mein Zimmertelefon ist nicht extern frei geschaltet, aber ich vermute stark, dass es intern erreichbar ist, wenn nicht das Handy.

Niemand kam auf die Idee mich zu informieren, damit ich wenigstens noch mit ihm hätte reden können, bevor er die Sonde los werden wollte. Sehr schade.
Aber sehr typisch für hier, kaum jemand denkt wirklich mit.

Leider war die Sonde wohl auch so früh draussen, dass er darüber nicht mehr viel Flüssigkeit in dieser Nacht bekam.

Auch an diesem Tag klappte es mit Essen und Trinken leider nicht. Es war auch noch Chefvisite, aber noch viel schlimmer: meine eine Tante sollte noch kommen. Die Tante die meinem Gefühl nach eher nicht in seinem Interesse entscheidet. Sie darf letzlich nicht einmal einfach für ihn entscheiden, sie ist keine Betreuerin, sie hat lediglich eine Vorsorgevollmacht. Unglücklicherweise kam natürlich später ausgerechnet als sie da war das Thema PEG mit dem zuständigen Arzt auf. Das bedeutet eine Magensonde durch die Bauchdecke.

Ich halte nichts davon und ich weiß das Opa das auch nicht möchte. Der Arzt hätte gern bis Ende nächster Woche eine Entscheidung zugunsten der Anlage einer PEG.

Als der Arzt da war, war ich in erster Linie damit beschäftigt Opa davon abzulenken sich wieder hinzulegen. Aber ich bekam alles mit und bei zu großem Bullshitalarm bleibe ich selten still..

Als ich danach draussen auf dem Flur mit Opa durch die Gänge gerollt bin um ihn abzulenken habe ich ihm unterwegs erklärt worum es in dem Gespräch ging. Ich habe ihm die Vor- und Nachteile von allen Varianten aufgezählt und ihn gefragt was das Problem bei der Nasensonde war. Ob sie ihn denn gestört hatte.

Er meinte, dass sie ihn eigentlich nicht gestört hatte, zumindest nicht im linken Nasenloch. Die zweite war im rechten Nasenloch gewesen. Was ihn gestört hatte war das rein machen, weil es ihm weh tat. Wer selbst einmal etwas hatte, was durch die Nase geschoben wurde, kann das sicher sehr gut nachvollziehen. Ich kann es.

Dieses Problem liese sich also lösen, es wäre zumindest einen Versuch wert: Ähnlich wie bei einer Magenspiegelung könnte man ihm z.B. Propofol zur Kurzzeitsedierung geben. Dann wäre das legen der Sonde nicht unangenehm und schmerhaft für ihn. Dann kommt das aber: In dem Moment wäre das keine pflegerische Maßname mehr, sondern eine die nur ein Arzt machen darf. Es würde also Arbeit und Aufwand auslösen.

Ich hatte vorhin mit einer Schwester geredet und vereinbart mit ihm nochmal darüber zu reden. Das hatte ich getan. Ich kommunizierte das auch an eine mittlerweile andere Schwester. “Ja ober denn jetzt das Einverständnis dafür gegeben hat?”. Sie würde einfach mehr Gel drauf machen weil das ja betäubt. Ähm ja.. das Gel kann nur betäuben wenn es vorher schon an einer Stelle war. Wenn das Gel aber mit der Sonde erst an die Stelle kommt auf die es drückt, dann bringt auch mehr davon reichlich wenig. Nein er hatte kein Einverständis dafür gegeben.

Interessant ist auch, dass bei sowas wieder ich angsprochen werde. Meist bin ich der Störfaktor, aber wenn es darum geht das Einverstädnis einzuholen, dann tauge ich. Ich kann gar nicht für Opa das Einverständnis geben, denn ich bin kein Betreuer oder dergleichen. Ich ziehe es vor mit ihm zu reden und für ihn, aber nicht über ihn, schon gar nicht in seiner Anwesenheit. Relativ oft werde ich aber nur angsprochen.

Abends wurde ich mehr oder minder indirekt/direkt aus dem Zimmer geworfen. Ich dürfe ihm das Abendessen nicht geben. Sondern genau diese eine Schwester gibt es ihm auf dem Zimmer um zu sehen ob ich das Problem bin beim Essen.

Es hätte mich gefreut wenn es daran gelegen hätte, denn dann ließe sich das Problem ja sehr einfach lösen. Dem war aber nicht so. Als ich vom Essen selber wieder hoch kam fragte ich die Schwester: “Er hat alles wieder hoch gewürgt”.

Schöne Formulierung.

Bestimmt auch noch mit Absicht.

Bei mir hat er zwar mal gewürgt, aber nie erbrochen. Ich vermute, da hatte jemand nicht abgewartet, bis er seine mindestens drei Atemzüge zwischen jedem Teelöffel gemacht hatte und sein Mund wirklich leer war, sondern ähnlich einer anderen Schwester – mit der ich genau deswegen aneinander geraten bin – einfach rein gestopft. Egal wie sie es gemacht hat, es war ziemlich offensichtlich zu schnell und/oder viel für ihn.

Ich bin gespannt, ob sie das jetzt noch ein paar mal testen wollen. Wenn ja, dann vermute ich um schön Buch zu führen damit man ihm ja eine PEG gibt. Das ist das was mir aus Pflegekreisen zugesteckt wurde an Infos, wie sowas in aller Regel abläuft.

Ich werde weiter versuchen, dass er nochmal einen Schlauch mit anständiger Sedierung bekommt.

Allerdings habe ich einen ganz anderen Verdacht: Ich komme morgen wieder ins Zimmer und finde entweder einen verstörten Opa mit oder ohne Schlauch in der Nase. Wenn ja, wage ich doch sehr zu bezweifeln, dass das in seinem Einverständnis war. Aber so ohne Zeugen..

Ich darf also wieder so eine Nacht verbringen wie bei der ersten Anlage der Sonde. Man liegt im Bett und fragt sich was derjenige gerade mit sich machen lassen muss weil er sich nicht wehren kann und man ist wütend und hilflos zugleich.


 

P.S. Wirklich zu hinterfragen, warum es ihm beim Essen immer nach ca. 3-4 Teelöffeln mit Essen so übel wird – auf die Idee kam bisher auch keiner. Eigentlich sollte er seit der Visite zum testen etwas gegen Übelkeit bekommen, aber das war weder beim Mittagessen noch beim Abendessen bisher in den Medikamenten dabei. Ich bin gespannt von wem er morgen das Frühstück bekommen “darf”. (Gefragt hat ihn selbstverständlich auch vorhin keiner, ob das okay ist, wenn er das Essen von jemand anderem bekommt).

Fortsetzung hier.

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Filed under Ableism, Allgemein, Krankheitssystem, Opa in Reha, Rant

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