Das Klingelproblem

Mein Opa ist fast blind. Das ist seit etwa 15 Jahren so bzw. so ähnlich, es ist also nichts Neues, im Gegenteil. Durch die aktuelle Problematik und weil einfach im Alter die Sensibilität der Fingerspitzen auch nachlässt, kann er die Klingel die es derzeit bei ihm am Bett gibt weder finden, noch wenn er sie gefunden hat auslösen. Mit anderen Worten: Er ist völlig hilflos wenn ihn nicht gerade jemand fragt was los ist. Da sein Gehör auch noch etwas nachgelassen hat, muss man eben zu ihm hin gehen und ihn einfach direkt fragen, ob er etwas braucht, oder noch besser ganz konkret fragen, ob er etwas trinken möchte oder auf Toilete muss oder $sonstwas. Die Türe kurz aufreißen und in das Zimmer murmeln, wer da was wollte funktioniert nicht. Soweit eigentlich nicht schwer zu verstehen und umzusetzen. Unter Tags frage ich immer wieder das ganze Programm ab, ob er etwas benötigt. Er gehört (leider) auch zu den Menschen, die kaum bis gar nicht sagen, wenn es ihnen nicht gut geht, oder wenn sie etwas brauchen, ausser auf konkrete Nachfragen eben.

Gleich zu Beginn hier, vor locker eineinhalb Wochen haben wir sofort gemerkt, dass er die in der Rehaklinik verwendete Klingel nicht bedienen kann. Ich habe es noch mit ihm geübt, aber es geht praktisch nicht. Selbst wenn ich die Klingel drücke löst sie nicht immer aus. Oft brauch ich selbst 3 Versuche.

Bei einem Nachbarbett habe ich gesehen, dass dort sogar die Taste leuchtet, entweder die ganze Zeit oder wenn sie ausgelöst wurde. Das würde Opa vielleicht zumindest ein Feedback geben, da er Licht und Schatten noch etwas erkennen kann. Intelligenterweise gibt das Ding auch keinerlei Feedback wenn es ausgelöst hat. Es piepst z.B. nicht.

Es stellte sich heraus (nach über einer Woche!!), dass es sehr wohl noch andere Klingelmodelle gibt. In dem Fall hier wohl nur eine “Touch-Klingel” die sehr leicht auslöst. Stellt sich also die Frage, warum noch nicht einmal getestet wurde, ob er damit vielleicht besser klar kommt, oder warum überhaupt niemand auf diese Idee gekommen ist. Das kam erst heraus, als meine Tante nachgefragt hatte, selbst ehemalige Krankenschwester. Sie wusste das es sowas gibt.

Stellt sich heraus: Es gibt genau eine solche anders gebaute Klingel auf einer rießen Station bzw. in der ganzen Klinik und die ist natürlich im Einsatz. Man kann sie ja dem anderen Patienten nicht einfach weg nehmen. Aha. Ja das macht tatsächlich Sinn. Das kann aber doch wohl nicht ernsthaft eine Argumentation sein, warum Opa bisher immer noch keine Klingel hat, welche er bedienen kann?! Das ist maximal eine Ausrede. Eine sehr erbärmliche noch dazu.

Nachts räumt er unbeabsichtigt auch mal das Nachtkästchen ab und irgendwann schreit er, wenn einfach keiner kommt – warum wohl..

Als denkender Mensch sollte man also meinen, man könne ja eine bestellen oder anderweitig organisieren. Scheinbar nein. Denn bis heute, mehr als eineinhalb Wochen nach Ankunft hat er immer noch die gleiche Klingel, die er nicht bedienen kann.

Es hat sich genau nichts getan.

Man könnte ja jetzt böse – was ich natürlich nieeee tun würde – hinterfragen, ob denn überhaupt Interesse daran besteht, dass mein Opa klingeln kann und sich Hilfe holen kann, wenn er sie benötigt?

Die Leute die das direkt betrifft ist das Pflegepersonal, chronisch überlastet, unterbesetzt und mehr oder minder am Patienten interessiert und liebevoll. Ein Patient mehr mit einer Klingel, bedeutet also erst einmal nur mehr Arbeit. Es besteht ja immerhin die Möglichkeit, dass Opa dann klingeln könnte und vielleicht sogar Arbeit macht. Eine Urinflasche, Windel wechseln oder gar aufs richtige Klo gehen braucht natürlich länger als einen Katheterbeutel leer zu machen. Womöglich würde er sich sogar mal melden, wenn er Durst hat, dann müsste man ihm ja aus der Küche etwas zu trinken geben UND auch noch immer wieder hinhalten, da er es aktuell nicht gut festhalten kann, selbst wenn ein Tisch vor ihm wäre auf dem er es abstellen könnte. In dem Fall würde er spätestens beim zweiten Anlauf die Tasse nicht mehr finden oder aus Versehen vom Tisch wischen.

Heute morgen kam ich rein und man warf mir förmlich entgegen, in Zukunft würde Opa nur noch morgens oder abends Flüssigkeit über die Sonde bekommen, denn es würde nachts mit der Toilette nicht klappen. Ja warum wohl, wenn man nicht klingeln kann?
Das habe ich mir auch erlaubt anzumerken. Beziehungsweise ich wies darauf hin, dass er ja nach wie vor keine Klingel hat die er bedienen kann und sich somit auch nicht bemerkbar machen kann. Antwort war: “Ja, die anderen würden ja auch für ihn klingeln.” Aha, es reicht also wenn jemand anderes sich für ihn meldet. Ihm wird also nicht die selbe Möglichkeit sich bemerkbar zu machen zugestanden. Ist ja sein Pech. Vermutlich hat er sich auch ausgesucht kaum mehr was zu sehen.
Das war im übrigen auch die Nacht in der er sich die Nasensonde gezogen hatte, vermutlich weil er sich wieder mal nicht bemerkbar machen konnte.

 

Kurz: Seit über eineinhalb Wochen hat Opa keine Möglichkeit sich Gehör zu verschaffen wenn er Hilfe benötigt u.a. wegen seiner Behinderung, der Blindheit.
Ein Wille zur Problemlösung ist für mich nicht sichtbar.

 

(Leider ist das Ding kein mir bekannter Standard-Stecker, sonst hätte ich längst selbst etwas gebaut, falls das nicht klar war..)

Erster Nachtrag hier.
Zweiter Nachtrag hier.
Dritter Nachtrag hier.
Vierter Nachtrag hier.

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Filed under Ableism, Allgemein, Krankheitssystem, Opa in Reha, Rant

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