In Reha – aber als Begleitung

Einige Leser speziell auf Twitter haben es mitbekommen: Ich bin derzeit in Reha. Allerdings eigentlich nicht ich, sondern mein Opa.

Er ist späterblindet. Ich bin seine Augen. Schon 2003 bin ich mit ihm verreist, damals auch schon fast ganz blind, ähnlich jetzt. Damals sind wir z.B. Tandem gefahren. Er hinten und ich vorne, am Strand entlang in Los Angeles. Wir haben dort Verwandte der verstorbenen Oma besucht.

 

Seit mittlerweile bald über 10 Jahre hat er eine Partnerin. Die beiden leben zusammen. Sie fährt ein dreirädriges Fahrrad mit einer Fahne hinten drann, da sie sich mit dem Laufen schwer tut, nicht aber mit dem radeln. Er kann die Fahne noch im Blickfeld minimal erahnen und radelt mit Blindenbinde am Arm auf Radwegen hinter ihr her. Zumindest bis letzten Herbst. Die beiden lieben das Radeln auf ihren Dreirädern. Sein Schatz ist sogar noch älter als er, bei ihr ist eine 9 vornen drann, bei ihm eine 8.

Vor mittlerweile etwa 3 Wochen hatte er vermutlich einen Schlaganfall bzw. zwei. Es ist nicht so 100%ig klar, ob es denn welche waren, da gehen die Meinungen auseinander. Er war auf jeden Fall im Krankenhaus gelandet. Ein paar Tage danach habe ich mit ihm telefonieren können und er hat sich angehört wie immer. Ich wohne leider alles andere als um die Ecke.

Über die Leute die ihn besucht und versorgt(!) haben, habe ich erfahren, wie dort mit ihm umgegangen wird. Es handelt sich um ein normales Kreiskrankenhaus mit stroke-unit. Er war zuerst in der Neurologie. Mir kamen da so Sachen zu Ohren wie: Sie stellen das Essen in den Raum, sagen ihm nichts und gehen wieder. Holen es wieder ab und nehmen es mit, ohne Rückfrage, warum nichts gegessen wurde. Zu der Zeit konnte er die linke Seite nicht gut bewegen, aber selbst wenn er die bewegen hätte können, ist ganz alleine Essen keine Option, da einfach im Alter die Feinmotorik und das Gefühl in den Fingerspitzen nicht mehr das selbe ist und das Essen eben nicht wie zu Hause angerichtet ist.

Kurz – aber keineswegs realitätsfern – ausgedrückt: Er wäre dort verhungert.
Keiner hielt es für notwendig ihn beim Essen zu unterstützen.

Dann kam eine Lungenentzündung. Warum genau ist nicht so ganz klar. Es würde mich nicht wundern, wenn es eine typische Krankenhausinfektion gewesen ist. Bisher hat er nie zu den Leuten gehört, die dauernd oder schnell krank werden. Er hatte üble Fieberanfälle und hat stark abgebaut. X Tage nachdem die Lungenentzündung schon da war, kam er dann doch mal auf die Pneumologie. Er bekam Antibiotika und einen DK (Dauerkatheter). Von den Antibiotika bekam er Durchfall, also verpassten sie ihm auch gleich noch eine Windel. Er ist wohl gemerkt weder Harn noch Stuhlinkontinent.

Opa ist in einem Kinderheim groß geworden. Der Träger war eine Kirche. Nett oder liebevoll ging es dort nicht zu. Er hat mir mehrmals unter Tränen davon erzählt. Er ist so erzogen geworden, nie um etwas zu bitten und nie etwas einzufordern was seinen eigenen Bedürfnissen dient. Es ist auch manchmal nicht so einfach aus ihm heraus zu bekommen, ob er sich wirklich wohl fühlt, oder woran es fehlt. Bei konkreten Fragen kommt aber meist dann doch die ehrliche Antwort. Aber dazu muss man sie stellen.

Im Krankenhaus verstärkt das eine Problematik: Leider sind die Klingeln nicht wirklich barrierefrei gestaltet. Manchmal ist der Knopf zwar noch farbig stark hervorgehoben, aber nicht oder kaum fühlbar für die Finger. Wir haben uns teilweise damit beholfen, einfach ein Stück Schaumstoff oder dergleichen darauf zu kleben, damit er es fühlt. Allerdings muss er auch dafür die Klingel überhaupt einmal gefunden haben. Leider ist er aber – so wie vermutlich viele seiner Generation geprägt – die Klingel praktisch nie zu benutzen.

Im Zimmer auf der Neurologie war es wohl so, dass er einen Bettnachbarn hatte, der eine gute Antenne dafür hatte, wenn er etwas brauchte und dann einfach für ihn geklingelt hat. Auf der Pneumologie und auch jetzt in der Reha ist das aber leider nicht so.

Kurz gesagt: Er hat immer noch einen DK und eine Windel, obwohl er beides nicht benötigt. Eigentlich müsste man ihn nur immer mal wieder fragen, ob er zur Toilette muss. Aber das wäre ja Arbeit. Im Krankenhaus hat sich sein Besuch darum gekümmert, bevor er das allround-Paket hatte. Das hat auch funktioniert. Aber wenn es natürlich schon mal da ist.. will es wohl keiner mehr entfernen. Das würde ja Aufwand verursachen..

Durch die nicht einmal nötige Windel und die Antibiotika kam noch etwas dazu: Ein Hautpilz. Dafür gibt es noch eine Bezeichnung: Pflegefehler. Absolut vermeidbar.

Eine Nachfrage dort zum Thema pflegerische Probleme wurde durch einen Arzt mit: “Wenn es ihnen nicht passt, können sie ihn ja mit nach Hause nehmen!” beantwortet.

Durch die Lungenentzündung blieb er natürlich länger als geplant im Krankenhaus, insgesamt fast 3 Wochen. Mit anderen Worten: Er hat wohl mehr gekostet als eingebracht. Es leben die Fallpauschalen. Es war mehr als offensichtlich, dass sie ihn los haben wollten.

Nach dem was mir alles geschildert wurde, hätte man ihn dort eher tot gefplegt als ihm geholfen. Ohne Angehörige die sich morgens mittags und abends um seine Essensassistenz gekümmert haben, hätte er noch mehr abgebaut als ohnehin schon. Sehr beschämend, aber letztlich nur normale Realität im Bereich Pflege in Deutschland. Die selbe Situation bei einem älteren Menschen ohne Angehörige welche sich kümmern, möchte ich mir nicht vorstellen.

 

Mir fällt dafür einzig eine Bezeichnung ein: Körperverletzung.

Ganz besonders erbärmlich bei Menschen welche sich nicht wehren können.

 

Mein Opa hat aufgrund seiner Sehbehinderung ein “H” für Hilflos im SBA (Schwerbehindertenausweis). Er darf also Begleitpersonen mitnehmen. Scheinbar gilt dies aber in dieser Gesellschaft nur für ein Museum oder eine Busfahrt, aber nicht für den Aufenthalt in einer Reha-Klinik. Der Antrag auf Begleitung wurde abgelehnt. Aktuell ist Widerspruch eingelegt.

Ich habe ihm angeboten mit zu kommen. Er hat das Angebot angenommen. Seine Lebensgefährtin ist auch recht froh darüber. Sie ist gerade im Umzugsstress aufrund einer Kündigung wegen Eigenbedarfs. Meist kommt ja doch alles zusammen. Sie wird furchtbar reisekrank und kann ihn leider nicht einmal besuchen obwohl es “nur” 80 km sind, allerdings wirklich grausige Landstrassen. Die Beiden vermissen sich gegenseitig sehr.

Vorerst bin ich also das “Privatvergnüngen” meines Opas, ein Luxusgut also.

Seit mittlerweile 4 Nächten sind wir hier.

“Hier” ist in dem Fall in Bad Wildung in einer Asklepios Reha Klinik namens “Fürstenhof”.

Schon sehr ironisch: Wenn ich wegen meiner Schlafproblematik oder etwas anderem selbst im Krankenhaus war, hatte ich noch nie so ein großes ruhiges Zimmer. Schon gar nicht für mich allein – obwohl genau das für mich alles sehr wichtige Bedingungen sind :/

Es ist wirklich seltsam in einer Klinik zu übernachten, ohne dort selbst Patient zu sein. Sehr ungewohnt.

Leave a Comment

Filed under Ableism, Allgemein, Krankheitssystem, Opa in Reha, Rant

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

IMPORTANT! To be able to proceed, you need to solve the following simple math (so we know that you are a human) :-)

What is 6 + 7 ?
Please leave these two fields as-is: