Ein kleines Märchen über einen Studenten und seine Abschlussarbeit

Es war in einem Land einmal ein Student. Er hatte schon vieles hinter sich gebracht. Direkt nach der Schule hatte er eine Ausbildung begonnen und abgeschlossen. Er tat sich dabei nicht sehr schwer. Ein Teil davon war auch im Labor. Es hat ihm Spaß gemacht.
Die Bereiche in denen er Schwierigkeiten hatte, konnte er gut kompensieren. Beim ADHS halfen ihm Medikamente und um den Unterricht besser zu verstehen half ihm eine FM-Anlage . Die kleine Klassengröße von nur etwa 20 Schülern kam ihm da sehr entgegen.

Er entschied sich danach für die Uni und begann zu studieren. Der erste Abschluss sollte der Bachelor of Science sein. Dafür musste eine Bachelorarbeit geschrieben werden. Er entschied sich für eine Arbeit bei der er auch im Labor steht.
Üblicherweise hat man bei so einer Arbeit auch einen Betreuer oder eine Betreuerin und nicht nur einen betreuenden Professor. In seinem Fall eine Betreuerin.
Von seinem Thema kann ich euch nicht berichten, denn es ist eher weniger meine Welt und ich habe es nicht wirklich verstanden. Aber ich kann euch sagen, dass wir uns in einem biologischen Labor befinden. Dort muss präzise und sauber gearbeitet werden. Es gehört dazu, dass man als Student während der Arbeit dort Fragen hat. Zum Sinn einer Abschlussarbeit gehört es ja einerseits zu zeigen, wie man sein bisheriges Wissen anwenden kann und weiter dazu zu lernen. Zum dazu Lernen gehört es meist, auch Fragen zu stellen. Wenn man sich nicht sicher ist, dann vielleicht auch zwei mal die gleiche Frage. Soweit so normal für vermutlich fast alle von uns.

Für jemanden der mit der Aufmerksamkeit Schwierigkeiten hat und zusätzlich nicht so gut hört gestaltet sich das alles etwas schwieriger. Es gibt aber sehr einfache Möglichkeiten auch diesen Studenten dabei zu unterstützen ebenso Zugang zu allen wichtigen Informationen zu bekommen. Eine wichtige Regel dabei ist es ihn beim Sprechen anzuschauen. So hat er die Möglichkeit aus dem was er hört und sieht die Informationen des Gesagten zusammen zu bauen. Dabei darf man es nicht persönlich nehmen, wenn er nochmals nachfragt oder etwas missverstanden hat.

Man sollte annehmen, man erklärt dieser betreuenden Person und dem Prof die Feinheiten worauf sie achten sollten und alles läuft seinen üblichen Gang.

 


 

An dieser Stelle ist das Märchen zu Ende und wir schlagen hart in der Realität auf. In der Realität des Jahres 2014 in einer deutschen Uni im Süden Deutschlands.

Die Betreuerin ist absolut nicht in der Lage bzw. eher sogar nicht gewillt den Studenten auf seinem Weg zur Abschlussarbeit zu unterstützen. Sie dreht sich weg wenn er etwas fragt, oder schaut ihn gar nicht erst an, wenn sie etwas zu ihm sagt. Sie reagiert sehr abweisend bei Fragen. Sie reagiert sogar so abweisend auf Fragen, dass der Student sich schließlich gar nicht mehr traut zu fragen. Er kommt immer öfter abends Heim aus dem Labor und ist sehr frustriert. Frustriert über die Arbeit im Labor, aber auch über den Umgang mit ihm, denn er hatte seine Bedürfnisse bereits mehrfach kommuniziert. Desto länger das läuft desto mehr missachtet und wertlos fühlt er sich. Er wird depressiv und hat besonders abends sehr schlechte Phasen.

Er beschließt nochmals einen Brief zu schreiben in dem er sich der Betreuerin mitteilt, ihr genau erklärt warum er was braucht und warum das wichtig ist.
Sie reagiert weiter abweisend und antwortet Dinge wie “Am Ende des Tages werden sie wie alle anderen daran gemessen, was sie geleistet haben.” Der Student fällt weiter in ein tiefes Loch.
Es stört ihn nicht daran gemessen zu werden was andere schaffen. Es stört ihn aber gar nicht die gleichen Möglichkeiten dazu zu haben den selben Zugang zu Informationen zu bekommen wie die meisten anderen.

Der Student schleppt sich weiter von einem Labor-Tag zu nächsten. Er schwört sich nie wieder eine Arbeit im Labor machen zu wollen.

Er hat “Glück” die Betreuerin geht bald weg von dem Institut.

Er wiederholt noch einige Versuche, etwas entspannter ohne die Nähe dieser Betreuerin.

Es stellt sich allmählich heraus, dass so viele Fehler gemacht wurden, dass seine Ergebnisse nicht verwertbar sind. Ein Fehler z.B. ist ein systematischer gleich zu Beginn der Arbeit. Die Betreuerin hielt es nicht für nötig überhaupt einmal nachzusehen was ihr zu betreuender Student denn da eigentlich tut und hat ihn übersehen. Auch später hat sie ihn nicht entdeckt.

Zu guter Letzt ist der Student sehr froh, dass die Arbeit im Labor ein Ende findet. Es steht ihm aber noch die schriftliche Ausarbeitung dieser Arbeit bevor. Auch das gestaltet sich eher schwierig. Über Ergebnisse zu diskutieren die keine sind kostet viel Energie und Nerven.
Während dieser Zeit fragt er per E-Mail nochmal etwas bei der Betreuerin nach und erhält eine – nun ja, lest selbst – Antwort mit folgendem Inhalt:

Sehr geehrter Herr $Student,

Ich bin doch erstaunt, dass Frau $Anonyma Ihnen so etwas erzählen muss. Immerhin waren Sie in dem Vortrag ja auch anwesend. Das Modell basiert auf den bekannten $Irgendwas-Strukturen und den Arbeiten von $Person zur XY-Datenbank und Sequenzvergleichen.

Viele Grüße,
Betreuerin

Er empfindet diese Antwort als sehr verletzend. Im Grunde macht sich seine – zu diesem Zeitpunkt bereits ehemalige – Betreuerin erneut über seine Schwerhörigkeit lustig.
Die Frage die er ihr gestellt hatte wurde in dieser E-Mail übrigens nicht beantwortet. Er fragt nicht erneut nach.

Er bringt die Arbeit letztlich zum Abschluss und füllt sie mit viel Fehlerdiskussion und Analyse.

 


 

Er hat bei dieser Abschlussarbeit viel gelernt, aber nur ein sehr kleiner Teil des Gelernten ist tatsächlich fachliches.

Er hat viel gelernt über den Umgang mit ihm und seinen Bedürfnissen.
Ihm wurde deutlich gezeigt, dass er nicht erwünscht ist.
Ihm wurde deutlich gezeigt, dass es zu viel Arbeit ist auf seine Bedürfnisse einzugehen.
Ihm wurde deutlich vermittelt, dass er es nicht wert ist sich für ihn “Mühe” zu geben.

Ich habe mich hilflos gefühlt und konnte nur schwer zusehen wie es ihm zeitweise ging. Ich wäre gern in diesem Institut vorbei gegangen und hätte mit der Dame im Labor einmal ein paar Worte gewechselt. Ich selbst habe kaum Kommunikationsprobleme mit ihm.

Doch was hätte es gebracht?

Nach der bisherigen Situation war stark anzunehmen, dass es die Situation weiter verschlimmert hätte. Auch mit dem Prof des Institutes zu reden schied aus selbigem Grund aus.
In der Theorie hat jeder Student mit einer Behinderung recht auf einen Nachteilsausgleich. Nur wie hätte der hier eingefordert werden können? Er hat sich mehrmals der Betreuerin mündlich und schriftlich erklärt und seine Bedürfnisse klar gemacht.
In der Theorie muss in Baden Württemberg auch jede Universität einen Behindertenbeauftragten ausschließlich für Studenten haben (vgl. LHG §2Abs. 3). Das ist aber leider nur Theorie. Die Universität Stuttgart hält sich nicht daran. Sie hat seit über 2,5(!) Jahren keinen Behindertenbeauftragten für Studenten. Es sieht auch nicht so aus als ob sich in absehbarer Zeit an diesem Zustand etwas ändert. Betroffene Studenten wurden bisher nicht angefragt, an der Findung eines neuen Behindertenbeauftragten mitzuwirken.

 


 

Fazit: Sicherlich hätten eine bessere Betreuung nicht zwingend alle Fehler verhindert, das ist aber auch nicht relevant.

Der Kern des Problems ist ein anderer:

Selbst das bisschen was an Nachteilsausgleich und Unterstützung auf dem Papier für Studenten mit Behinderung festgeschrieben ist, nutzt rein gar nichts, wenn sich die Hochschule nicht daran hält. Ganz besonders wenn in der Umgebung zusätzlich ein starkes Machtgefälle besteht, wie im Falle vom betreuenden Prof und Studenten, ist ohne starke Unterstützung nichts zu erreichen, sogar eher das Gegenteil.
Früher war der Behindertenbeauftragte dieser Uni einer der Profs. Er ist seit Anfang 2012 in Rente – und das keinesfalls überraschend.

Am Ende der Geschichte möchte ich eine gewisse Ironie nicht verschweigen:
Diese Betreuerin wechselte an eine Privatschule und unterrichtet nun dort Kinder.

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Filed under Ableism, Allgemein, Nachdenkliches, Studium

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